MIDNIGHT CITY · KAPITEL 01
Lucian
The Midnight Librarian
In der Bibliothek von Midnight City gehen die Lichter selten vor Mitternacht aus. Das liegt vor allem an Lucian. Zwischen meterhohen Bücherregalen, vergessenen Geschichten und einem Schreibtisch, auf dem verdächtig viele Bücher gleichzeitig liegen, fühlt er sich ausgesprochen wohl. Lucian kennt beinahe jedes Buch seiner Sammlung, besitzt einen beneidenswert trockenen Humor und hält Small Talk für eine eher bedauerliche Erfindung. Wer allerdings glaubt, er interessiere sich mehr für Bücher als für Menschen, hat vermutlich noch nie eine seiner Empfehlungen bekommen.
AUS DEM STADTARCHIV
Hinter den Regalen
Lucian ist ein Mann der leisen Gewohnheiten. Er schätzt Ordnung, lange Nächte und Menschen, die ein Buch wieder an seinen vorgesehenen Platz stellen. Letztere sind seiner Erfahrung nach erschreckend selten.
Obwohl er ganze Tage zwischen Geschichten verbringt, interessiert ihn mindestens genauso sehr, warum Menschen ausgerechnet zu einem bestimmten Buch greifen.
Er erinnert sich an die Titel, die Besucher ausleihen, an Gespräche zwischen den Regalen und gelegentlich sogar an Fragen, die nie laut ausgesprochen wurden.
Seine Bibliothek ist deshalb mehr als eine Sammlung alter Bücher. Für manche ist sie ein Zufluchtsort, für andere ein Ort, an dem sie etwas entdecken, wonach sie gar nicht gesucht haben.
Lucian selbst spricht nur selten über seine Vergangenheit. Er behauptet, sie sei ausgesprochen unspektakulär. Wer ihn besser kennt, hat daran allerdings seine Zweifel.
Auf die Frage, ob es für jedes Problem das passende Buch gibt, antwortete er einmal:
„Natürlich nicht. Aber ein schlechtes Kapitel bedeutet schließlich auch nicht, dass man das ganze Buch wegwerfen muss.“
HINTER DEN KULISSEN
Kleine Geheimnisse
01 – Der überfällige Bibliothekar
Lucian besitzt selbst ein Buch, dessen Rückgabefrist seit Jahren abgelaufen ist. Er weigert sich, darüber zu sprechen.
02 – Eine fragwürdige Ordnung
Ein kleines Regal seiner Bibliothek ist nicht nach Autoren oder Genres sortiert, sondern nach Gefühlen. Lucian behauptet, das sei vollkommen logisch.
03 – Die Sache mit den Lesezeichen
Lucian sammelt vergessene Lesezeichen. Darunter befinden sich alte Fahrkarten, Einkaufszettel und ein ausgesprochen beleidigender Brief.
04 – Der freie Sessel
Am Fenster steht ein alter Lesesessel, den Lucian niemals verstellt. Angeblich ist dort einfach das Licht am besten.
05 – Eine letzte Frage
Wenn man Lucian fragt, ob er tatsächlich jedes Buch seiner Bibliothek gelesen hat, antwortet er:
„Natürlich nicht. Ich habe schließlich auch noch ein Privatleben. Theoretisch.“
AUS LUCIANS NOTIZBUCH
Einträge nach Mitternacht
Nicht jede Geschichte steht in einem Buch. Manche hinterlassen nur eine Spur zwischen den Seiten.
EINTRAG 01 Der Besucher, der sich nicht erinnert
Rückgabe 322 - Die Nummer ist mir bekannt. Der Besucher nicht.
Es ist 01:13 Uhr.
Vor wenigen Minuten wurde ein Buch zurückgegeben, das laut unserem Verzeichnis noch immer verliehen sein müsste.
Der Titel lautet Der letzte Besucher. Autor unbekannt. Entleiher Nummer 7812. Ausgeliehen vor Mitternacht, Rückgabefrist vor Sonnenaufgang.
So weit nichts Ungewöhnliches. Zumindest nicht für diese Bibliothek.
Ungewöhnlich war vielmehr die Person, die es zurückbrachte.
Sie stand plötzlich vor meinem Schreibtisch, hielt das Buch mit beiden Händen und sah mich an, als hätte ich ihr eine besonders unangenehme Frage gestellt.
„Ich glaube, das gehört Ihnen.“
Ich fragte, wann sie es ausgeliehen habe.
Sie wusste es nicht.
Ich fragte, ob sie es gelesen habe.
Wieder keine Antwort.
Schließlich erklärte sie mir, sie könne sich nicht einmal daran erinnern, jemals in dieser Bibliothek gewesen zu sein.
Das kommt häufiger vor, als man meinen sollte. Allerdings gewöhnlich nicht bei Menschen, die ein Buch zurückbringen, das offensichtlich nach altem Papier und Regen riecht.
Ich überprüfte die Ausleihkarte. Der Eintrag war korrekt. Abgesehen davon, dass der Name des Entleihers fehlte.
Nummer 7812.
Ich bin mir sicher, diese Nummer schon einmal gesehen zu haben.
Aber wo?
Als ich erneut aufblickte, war mein Besucher verschwunden. Nicht einmal die Eingangstür hatte ich gehört.
Ich habe das Buch vorerst in meinem Schreibtisch eingeschlossen.
Es liegt dort neben einer alten Notiz, die jemand vor langer Zeit hinterlassen hat.
„Danke, dass du die Nacht ehrst.“
Eine etwas ungewöhnliche Widmung.
Besonders, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals jemandem diesen Satz gesagt zu haben.
Nachtrag: Das Buch lag heute Nacht bereits auf meinem Schreibtisch, bevor ich die Bibliothek aufschloss.
Ich sollte wirklich anfangen, meine Schlüssel sorgfältiger aufzubewahren.
— L.
EINTRAG 02 Eine Liste merkwürdiger Namen
Zeitangabe gestrichen - Manche Einträge sollten besser unvollständig bleiben.
Heute habe ich die alte Ausleihkarte erneut aus dem Verzeichnis genommen.
Fünf Einträge. Fünf Rückgabefristen. Und fünf Namen, von denen mindestens einer besser nicht dort stehen sollte.
Der erste Leser.
E. Moonlight.
Mädchen am Schreibtisch.
Lucian.
Du.
Ein Außenstehender würde darin vermutlich eine ausgesprochen nachlässig geführte Kartei erkennen. Ich könnte es ihm nicht verdenken.
Allerdings handelt es sich hierbei auch nicht um eine gewöhnliche Ausleihkarte.
Die ersten vier Einträge stehen schon seit langer Zeit dort. Den fünften habe ich selbst hinzugefügt.
Ich erinnere mich sehr genau daran. Ich erinnere mich auch daran, weshalb ich es getan habe. Und vor allem erinnere ich mich an die Warnung, die ich damals erhalten habe.
Manche Geschichten, so hieß es, dürften nicht zu früh gelesen werden.
Ich hielt das seinerzeit für eine reichlich übertriebene Formulierung. Mittlerweile bin ich vorsichtiger mit solchen Urteilen geworden.
Besonders in dieser Stadt.
Vorhin habe ich das Buch Der letzte Besucher noch einmal untersucht.
Es liegt weiterhin verschlossen in meinem Schreibtisch. Der Einband ist unbeschädigt, die Seiten vollständig. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um etwas anderes als ein gewöhnliches Buch handelt.
Und doch bin ich mir sicher, dass ich es dort nicht ewig aufbewahren kann.
Die Rückgabe 322 war jedenfalls kein Zufall.
Ebenso wenig wie der Umstand, dass sich der Besucher nicht an die Ausleihe erinnern konnte.
Ich habe bereits Ähnliches erlebt.
Es ist nur lange her.
Damals stand auf der Karte noch ein anderer Name.
Ich habe ihn eigenhändig entfernt.
Nicht, weil ich ihn vergessen wollte.
Sondern weil es besser war, wenn niemand sonst ihn lesen konnte.
Nun steht dort dieses eine Wort.
Du.
Ein merkwürdiger Eintrag für eine Bibliothek, zugegeben. Doch ich bin zu alt, um mich noch über die seltsamen Vorschriften dieses Hauses aufzuregen.
Die dazugehörige Rückgabefrist lautet:
Wenn die Zeit bereit ist.
Ich weiß, was damit gemeint ist.
Zumindest hoffe ich das.
Heute habe ich außerdem den Schreibtisch am Fenster freigeräumt. Dort lag seit Wochen ein Stapel Bücher, den ich eigentlich schon längst hätte einsortieren müssen.
Der Platz ist nun frei.
Der Stuhl steht bereit.
Und das Buch bleibt vorerst in meiner Schublade.
Es wäre schließlich äußerst unhöflich, einem Gast bereits bei seiner Ankunft sämtliche Geheimnisse der Bibliothek aufzudrängen.
Man sollte ihm wenigstens die Gelegenheit geben, die richtigen Fragen selbst zu stellen.
Persönlicher Nachtrag:
Ich habe im ersten Eintrag behauptet, mir sei die Nummer 7812 lediglich bekannt vorgekommen.
Das war nicht ganz richtig.
Ich weiß genau, woher ich diese Nummer kenne.
Aber selbst ein privates Tagebuch muss nicht alles erfahren.
Man weiß schließlich nie, wer irgendwann darin liest.
— L.
EINTRAG 03 Der letzte Besucher
Nach Mitternacht - Sie weiß noch nicht, weshalb sie hier ist.
Es gibt Menschen, die eine Bibliothek betreten und sofort wissen, welches Buch sie suchen.
Und dann gibt es jene, die zunächst eine ganze Weile im Eingangsbereich stehen bleiben, als müssten sie sich erst davon überzeugen, dass die Tür hinter ihnen tatsächlich existiert.
Heute hatte ich Besuch von jemandem aus der zweiten Kategorie.
Die Person wirkte erschöpft. Ein wenig verloren. Und ganz offensichtlich nicht besonders vertraut mit Midnight City.
Sie fragte nach einem Weg.
Nicht nach einem bestimmten Ort. Sondern danach, wie man wieder dorthin zurückgelangt, wo man hergekommen ist.
Eine Frage, die in dieser Bibliothek erstaunlich häufig gestellt wird.
Ich hätte nachfragen können, was genau gemeint war.
Stattdessen bot ich einen Platz am Fenster an.
Manche Antworten lassen sich leichter finden, wenn man zunächst aufhört, nach ihnen zu suchen.
Während mein Besucher durch die Regale ging, holte ich Der letzte Besucher aus meinem Schreibtisch.
Ich hatte es seit der merkwürdigen Rückgabe nicht mehr angerührt.
Der Einband war unverändert. Die Seiten vollständig. Keine Beschädigungen.
Und trotzdem stimmte etwas nicht.
Ich erinnerte mich daran, das Buch früher bereits gelesen zu haben. Aber als ich versuchte, mich an die Handlung zu erinnern, fiel mir kein einziger Satz ein.
Auf der letzten Seite stand lediglich:
„Es endet nicht dort, wo du aufhörst zu lesen.“
Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Satz gestern noch nicht dort gestanden hat.
Als ich aufsah, stand mein Besucher vor dem Schreibtisch.
Der Blick fiel sofort auf das Buch.
„Was ist das?“
„Eine Geschichte“, antwortete ich.
„Worum geht es?“
Ich betrachtete den Einband.
„Das versuche ich gerade selbst herauszufinden.“
Eine Weile schwiegen wir beide.
Dann fragte mein Besucher, ob das Buch ausgeliehen werden könne.
Ich wollte ablehnen. Immerhin hatte ich selbst den Vermerk „Gesperrt“ angebracht.
Doch als ich die Ausleihkarte herauszog, war das Wort verschwunden.
Stattdessen stand unter „Name des Entleihers“ nur noch:
Du.
Daneben die Rückgabefrist:
Wenn die Zeit bereit ist.
Ich weiß nicht, ob die Bibliothek ihre eigenen Regeln verändert.
Oder ob sie schon immer Regeln besaß, die mir bisher niemand erklärt hat.
Beides wäre ausgesprochen ärgerlich.
Nachtrag: Ich habe das Buch nicht ausgehändigt.
Noch nicht.
Aber ich habe es auf den Schreibtisch gelegt, wo mein Besucher es sehen kann.
Manchmal muss eine Geschichte schließlich erst den richtigen Leser finden.
Und ich habe das merkwürdige Gefühl, dass diese hier gerade erst beginnt.
— L.