MIDNIGHT CITY · KAPITEL 03
Elodie
The Late Night Radio Host
Man sagt, dass jede Stadt ihre eigene Stimme hat. Manche verstecken sich im Lärm der Straßen, andere im Flüstern dunkler Gassen. Die Stimme von Midnight City findet man irgendwo zwischen zwei Radiofrequenzen. Dort wartet Elodie. Mit einer sorgfältig unsortierten Musikauswahl, einem trockenen Sinn für Humor und der bemerkenswerten Fähigkeit, genau dann die richtigen Worte zu finden, wenn niemand danach gefragt hat. Auf 91.4 FM gehört die Nacht ihr. Zumindest behauptet sie das.
AUS DEM STADTARCHIV
Hinter der Stimme
Wer Elodie nur aus dem Radio kennt, könnte glauben, sie hätte immer etwas zu sagen. Tatsächlich gehört sie zu den Menschen, die Stille erstaunlich gut aushalten können.
Abseits des Mikrofons ist sie eine aufmerksame Beobachterin. Sie merkt sich beiläufige Bemerkungen, ungewöhnliche Geräusche und die kleinen Geschichten, die andere längst vergessen haben.
Ihr Studio ist ein Sammelsurium aus alten Schallplatten, handgeschriebenen Notizen und Dingen, die dort eigentlich nichts verloren haben. Ordnung hält Elodie für ein interessantes Konzept, das sie irgendwann einmal ausprobieren möchte.
Besonders sorgfältig bewahrt sie die Nachrichten ihrer Zuhörer auf. Manche enthalten Musikwünsche, andere lange Erzählungen. Einige bestehen nur aus wenigen Worten.
Auf die Frage, warum sie all das aufhebt, antwortete sie einmal:
„Man weiß nie, wann jemand seine eigenen Worte zurückbraucht.“
HINTER DEN KULISSEN
Kleine Geheimnisse
01 - Die Sache mit dem Kaffee
Elodie trinkt ihren Kaffee grundsätzlich kalt. Sie behauptet, das sei Absicht. Niemand glaubt ihr.
02 - Die verbotene Playlist
In ihrem Studio existiert eine Liste mit Liedern, die sie unter keinen Umständen spielen wird. Über den Inhalt schweigt sie beharrlich.
03 - Drei Uhren, drei Meinungen
In ihrem Studio hängen drei Uhren. Keine zeigt dieselbe Zeit. Elodie findet das ausgesprochen praktisch.
04 - Unbekannter Absender
Musikwünsche ohne Namen hebt sie in einer eigenen Schublade auf. Sie hat noch nie erklärt, warum.
05 - Eine letzte Frage
Wenn man Elodie fragt, ob sie ihre eigene Radiosendung hört, antwortet sie:
„Nur wenn ich wissen möchte, wer da wieder Unsinn erzählt.“
MIDNIGHT CITY · EXTRA
Private Transmission – 91.4 FM
Nicht jede Geschichte ist für alle Ohren bestimmt. Elodie hat noch eine Geschichte zu erzählen. Doch diese Sendung ist nicht für jeden bestimmt. In der Songliste deiner Midnight-City-Ausgabe verbirgt sich ein geheimes Lösungswort. Entschlüssle die Nachricht und gib das Wort unten ein, um eine zusätzliche Geschichte aus Midnight City freizuschalten.
Für alle, die noch wach sind
„Guten Abend, Midnight City.“
Eine kurze Pause.
„Oder guten Morgen. Keine Ahnung, wann genau ihr beschlossen habt, eure Schlafprobleme zu meinem Problem zu machen.“
Elodie betrachtete das kleine rote Licht über dem Mikrofon.
ON AIR.
Zwei Worte, die erstaunlich viel Selbstvertrauen verlangten, wenn man eigentlich keine Ahnung hatte, was man tat.
„Falls ihr euch gerade fragt, wer zur Hölle da spricht: berechtigte Frage. Mein Name ist Elodie, und offenbar bin ich ab heute eure neue nächtliche Begleitung. Ich weiß, ich bin genauso begeistert wie ihr.“
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
„Bevor sich jetzt jemand beschwert: Nein, ich bin keine ausgebildete Therapeutin. Nein, ich kann eure Beziehungsprobleme nicht lösen. Und falls ihr euren Ex zurückhaben wollt, kann ich euch höchstens empfehlen, vorher noch einmal sehr gründlich darüber nachzudenken.“
Ein leises Knacken wanderte durch die Kopfhörer.
„Aber ich habe Musik. Ziemlich guten Kaffee. Und offenbar ein funktionierendes Mikrofon. Das sind immerhin drei Dinge, die in meinem Leben gerade überraschend gut laufen.“
Elodie betrachtete die Regler vor sich.
„Also macht es euch bequem. Oder unbequem. Ich bin nicht eure Mutter.“
Sie drückte einen Knopf, und die ersten Töne eines alten Songs erfüllten das Studio. Dann nahm sie die Kopfhörer ab.
„Heilige Scheiße“, flüsterte sie.
Sie hatte es tatsächlich getan. Ihre Hände zitterten. Und das war ziemlich lächerlich, wenn man bedachte, dass sie noch vor einer Stunde ernsthaft darüber nachgedacht hatte, einfach wieder zu verschwinden.
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Midnight City hatte Elodie nicht gerade mit offenen Armen empfangen.
Genau genommen hatte die Stadt überhaupt nichts getan.
Sie hatte einfach existiert.
Mit ihren engen Straßen, den alten Gebäuden, den flackernden Leuchtreklamen und den unzähligen Fenstern, hinter denen selbst zu unmöglichen Uhrzeiten noch Licht brannte. Eine Stadt, die offenbar genauso wenig schlafen konnte wie sie.
Elodie fand das sympathisch.
Zumindest sympathischer als Orte, an denen um neun Uhr abends sämtliche Bürgersteige hochgeklappt wurden und man sich beinahe entschuldigen musste, wenn man nach Mitternacht noch wach war.
Sie war vor einigen Tagen angekommen. Mit einem Koffer, einer Tasche voller Dinge, die sie vermutlich nicht brauchte, und einer ziemlich schlechten Vorstellung davon, wie es jetzt weitergehen sollte.
Sie hatte nicht vorgehabt zu bleiben. Eigentlich war sie nur wegen einer einzigen Person hier. Einer Person, die sie unbedingt wiederfinden wollte. Und die, wie es aussah, verdammt gut darin war, nicht gefunden zu werden.
Anfangs hatte sie die Stadt wie eine Aufgabe behandelt. Sie war durch Straßen gelaufen, hatte nach Hinweisen gesucht, Fragen gestellt und sich an jede noch so kleine Information geklammert. Irgendwann hatte sie allerdings festgestellt, dass Midnight City nicht besonders kooperativ war, wenn man versuchte, ihr Antworten abzuringen.
Stattdessen hatte die Stadt ihr Menschen geschickt.
Menschen, die ihr nicht weiterhelfen konnten. Jedenfalls nicht so, wie sie es erwartet hatte.
Da war der Mann in einem kleinen Bistro gewesen, der ihren Kaffee kommentarlos nachgefüllt hatte, nachdem Elodie beinahe eine Stunde lang regungslos auf einen Zettel gestarrt hatte.
Ein junger Mann an einer Bushaltestelle, der ihr erklärt hatte, dass sie in die völlig falsche Richtung lief. Und der sich anschließend neben sie gesetzt hatte, obwohl ein Bus längst gekommen war.
Und ein Fremder, mit dem sie eines Nachts unter einem viel zu kleinen Vordach gestanden hatte, während der Regen die Straße in einen einzigen schwarzen Spiegel verwandelte.
Sie hatten keine Namen ausgetauscht.
Er hatte ihr von seinem Hund erzählt, der Angst vor Staubsaugern hatte. Elodie hatte behauptet, das sei vermutlich das Vernünftigste, was sie seit Tagen gehört hatte.
Sie hatten gelacht.
Zehn Minuten später war der Regen schwächer geworden, und jeder war seines Weges gegangen.
Es war nichts Besonderes gewesen. Und trotzdem erinnerte sie sich daran.
Vielleicht gerade deshalb.
Früher hatte Elodie solche Begegnungen kaum wahrgenommen. Sie war immer unterwegs gewesen. Von einem Ort zum nächsten. Von einer Wohnung in die andere. Zwischen Jobs, Menschen, Gesprächen und all den Dingen, die man anfängt, ohne sie wirklich zu Ende zu bringen.
Sie hatte früh gelernt, dass man sich nicht zu sehr an Orte gewöhnen sollte.
Irgendwann ging man ohnehin wieder. Menschen waren da manchmal nicht wesentlich zuverlässiger.
Einige blieben eine Weile. Andere verschwanden, sobald es kompliziert wurde. Und manche waren sogar noch da, aber irgendwie trotzdem unerreichbar.
Elodie hatte sich angewöhnt, mit solchen Dingen umzugehen, indem sie Witze machte.
Sie war ziemlich gut darin.
Es gab kaum eine unangenehme Situation, die sich nicht mit einem ausreichend unpassenden Kommentar entschärfen ließ.
Traurigkeit?
Ein schlechter Witz.
Enttäuschung?
Zwei schlechte Witze.
Jemand fragte sie, wie es ihr wirklich ging?
„Großartig. Meine Probleme haben mittlerweile eine eigene Warteliste.“
Meistens lachten die Leute. Und dann wechselten sie das Thema.
Das war praktisch.
So musste niemand erfahren, dass Elodie manchmal ganze Nächte wach lag und sich fragte, ob sie eigentlich irgendjemandem wirklich fehlte.
Sie hatte nie besonders gut darin sein wollen, allein zu sein. Sie war es nur irgendwann geworden.
Als Kind hatte sie ein kleines Radio besessen. Ein altes Ding mit einem zerkratzten Gehäuse, dessen Antenne man in einem ganz bestimmten Winkel halten musste, damit es nicht klang, als würde jemand Kieselsteine in eine Waschmaschine werfen.
Nachts hatte sie heimlich darunter gelegen, die Decke bis über den Kopf gezogen und die Stimmen fremder Menschen gehört.
Moderatoren, die über Musik redeten.
Menschen, die anriefen, um anderen Menschen zum Geburtstag zu gratulieren.
Irgendwelche Verrückten, die um drei Uhr morgens ihre Lebensgeschichte erzählten, obwohl niemand danach gefragt hatte.
Elodie hatte diese Sendungen geliebt. Nicht einmal unbedingt wegen der Geschichten. Sondern wegen der Stimmen.Weil da draußen jemand wach war.
Jemand, der redete. Jemand, der die Stille unterbrach.
Und weil es sich manchmal anfühlte, als würde dieser unbekannte Mensch direkt zu ihr sprechen.
Damals hatte sie nicht darüber nachgedacht, warum ihr das so viel bedeutete. Später hatte sie das Radio vergessen.
Oder zumindest geglaubt, es vergessen zu haben.
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Es hatte einmal jemanden gegeben, bei dem Elodie nicht das Gefühl hatte, ständig etwas sagen zu müssen.
Bei dem selbst längere Pausen nicht unangenehm gewesen waren.
Jemanden, der ihre schlechten Witze kannte, sie trotzdem lustig fand und manchmal sogar wusste, was Elodie dachte, bevor sie selbst die richtigen Worte dafür gefunden hatte.
Es war eine dieser seltenen Verbindungen gewesen, die man für selbstverständlich hielt, solange sie existierten.
Bis sie plötzlich nicht mehr da waren.
Elodie erinnerte sich noch an eines ihrer letzten Gespräche. Nicht, weil etwas besonders Dramatisches passiert war.
Im Gegenteil.
Es war ein völlig gewöhnlicher Abend gewesen. Sie hatten geredet. Über belanglose Dinge. Über Pläne, die irgendwann vielleicht einmal Wirklichkeit werden sollten. Und irgendwann war das Gespräch ernst geworden.
Nur für einen Moment.
Eine Frage war gestellt worden.
Eine ehrliche Frage.
Elodie hatte gemerkt, dass etwas nicht stimmte.
Aber sie hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte. Also hatte sie einen Witz gemacht.
Sie konnte sich bis heute an das kurze Lächeln erinnern, das darauf gefolgt war. Und daran, wie das Gespräch danach langsam versandet war.
Später hatte sie sich unzählige Male gefragt, was passiert wäre, wenn sie einfach zugehört hätte.
Wenn sie nicht sofort versucht hätte, die Stimmung zu retten. Wenn sie gesagt hätte: Du kannst mit mir reden. Vielleicht hätte sich nichts verändert.
Vielleicht alles.
Sie wusste es nicht.
Und genau das machte es so schwer.
Als diese Person aus ihrem Leben verschwunden war, blieben viel zu viele Fragen zurück.
Elodie hatte versucht, Antworten zu finden. Sie hatte nachgefragt, war alten Spuren gefolgt und hatte Dinge zusammengesetzt, die möglicherweise überhaupt nicht zusammengehörten. Bis eine dieser Spuren sie nach Midnight City geführt hatte.
Ein Ort, von dem sie vorher kaum etwas gewusst hatte.
Jetzt war sie hier.
Und hatte noch immer keine Ahnung, wo sie suchen sollte.
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Den Leuchtturmwärter hatte sie an einem Abend getroffen, an dem sie eigentlich schon beschlossen hatte, die Suche aufzugeben.
Der Weg zum Leuchtturm war länger gewesen, als er von unten ausgesehen hatte. Elodie hatte den Verdacht, dass in dieser Stadt sämtliche Entfernungen absichtlich falsch eingeschätzt wurden, nur um Neuankömmlinge zu ärgern.
Als sie schließlich oben angekommen war, hatte der Wind ihre Haare völlig durcheinandergebracht und ihr Mantel war bis an die Knie nass.
Der Mann hatte vor dem Leuchtturm gestanden und aufs Wasser hinausgesehen. Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.
Das fand Elodie verdächtig.
„Falls Sie hier oben Eintritt verlangen, muss ich Sie enttäuschen“, sagte sie. „Ich habe mein ganzes Geld unterwegs in Kaffee investiert.“
Der Mann lächelte. „Dann war es hoffentlich guter Kaffee.“
„Ehrlich gesagt eine ziemliche Enttäuschung.“
„Das tut mir leid.“
„Mir auch. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen.“
Der Mann lachte leise. Dann schwiegen sie.
Elodie war nicht sicher, warum sie stehen blieb.
Vielleicht, weil der Mann nicht versuchte, ein Gespräch anzufangen.
Vielleicht, weil der Wind hier oben so laut war, dass man seine eigenen Gedanken kaum hören konnte.
Oder weil sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft nicht das Gefühl hatte, irgendwo hinzumüssen.
„Suchen Sie jemanden?“, fragte der Mann schließlich.
Elodie drehte den Kopf. „Ist das so offensichtlich?“
„Sie schauen immer wieder auf die Stadt zurück. Als hätten Sie Angst, etwas zu übersehen.“
Elodie wollte etwas Schlagfertiges erwidern. Irgendetwas darüber, dass er offenbar eine höchst fragwürdige Nebenbeschäftigung als Hobbypsychologe hatte.
Aber stattdessen zuckte sie nur mit den Schultern.
„Ja“, sagte sie.
Der Mann wartete.
„Ich suche jemanden.“
„Und haben Sie diese Person gefunden?“
„Sehe ich aus, als hätte ich sie gefunden?“
„Nein.“
„Na wunderbar. Ich liebe ehrliche Menschen.“
Wieder dieses kleine Lächeln.
Elodie verschränkte die Arme.
„Wissen Sie, was das Nervigste an der ganzen Sache ist? Ich habe keine Ahnung, ob diese Person überhaupt gefunden werden will.“ Sie schaute hinaus auf das dunkle Wasser. „Vielleicht bin ich umsonst hier.“
Der Leuchtturmwärter antwortete nicht sofort. Dann sagte er: „Das kann sein.“
Elodie sah ihn ungläubig an.
„Wow. Sie sind wirklich hervorragend darin, Menschen aufzumuntern.“
„Ich denke nur, dass ich Ihnen nichts versprechen sollte, was ich nicht weiß.“
Damit hatte er recht.
Leider.
Und Elodie hasste es, wenn fremde Menschen recht hatten.
„Manchmal“, fuhr er fort, „finden wir nicht das, wonach wir ursprünglich gesucht haben.“
„Jetzt kommt bestimmt etwas sehr Tiefgründiges.“
„Nein.“
Er griff in seine Manteltasche.
„Eigentlich wollte ich Ihnen nur das hier geben.“
In seiner Hand lag ein Schlüssel.
Alt, aus schwerem Metall, mit einem kleinen, abgenutzten Anhänger.
Elodie starrte darauf. „Was ist das?“
„Ein Schlüssel. Er gehört zu einem alten Radiosender in der Stadt.“
Elodie sah wieder zu ihm auf. „Und warum geben Sie den ausgerechnet mir?“
„Weil er seit einer ganzen Weile nicht mehr benutzt wird.“
„Das erklärt erschreckend wenig.“
„Vielleicht sollten Sie ihn sich ansehen.“
Sie betrachtete den Schlüssel. „Und was soll ich dort?“
Der Mann zuckte leicht mit den Schultern. „Das werden Sie selbst herausfinden müssen.“
Elodie seufzte.
„Wissen Sie, normale Menschen geben einem eine Wegbeschreibung, wenn man offensichtlich verloren ist. Sie verteilen stattdessen Schlüssel und rätselhafte Lebensweisheiten.“
„Hat es geholfen?“
Sie wollte Nein sagen.
Stattdessen nahm sie den Schlüssel.
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Am nächsten Abend stand Elodie vor dem Gebäude.
Es lag in einer ruhigeren Straße, etwas abseits der hellen Schaufenster und der belebten Kreuzungen.
Ein schmaler Bau mit hohen Fenstern, einer schweren Eingangstür und einem alten Schild, auf dem die Buchstaben kaum noch zu erkennen waren.
Sie sah an der Fassade hinauf.
„Natürlich“, murmelte sie. „Warum sollte es auch ein hübsches kleines Café sein? Nein, es muss ein verlassener Radiosender sein. Absolut normal.“
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er passte.
Das überraschte sie mehr, als es sollte.
Die Tür öffnete sich mit einem Geräusch, das klang, als hätte sie seit Jahren niemand mehr um ihre Meinung gefragt.
Im Inneren roch es nach Staub, Holz und alten elektrischen Geräten. Ein schmaler Flur führte zu mehreren Räumen. Auf einem Tisch stapelten sich vergilbte Papiere. An einer Wand hingen alte Fotografien, auf denen Menschen mit Kopfhörern und riesigen Mikrofonen zu sehen waren.
Und am Ende des Flurs befand sich eine Tür mit einem kleinen Fenster.
Dahinter lag das Studio.
Elodie blieb auf der Schwelle stehen.
Es war kleiner, als sie erwartet hatte. Ein Tisch. Ein Mischpult voller Knöpfe und Regler. Zwei Mikrofone. Ein alter Plattenspieler. Regale mit Schallplatten. Und ein großes Fenster, hinter dem sich die Lichter der Stadt ausbreiteten.
Es war kein besonders beeindruckender Raum.
Nichts daran wirkte modern.
Einige Dinge waren offensichtlich schon sehr lange nicht mehr benutzt worden. Aber jemand hatte sich einmal Mühe gegeben, diesen Ort gemütlich zu machen.
Eine kleine Lampe stand neben dem Mischpult. In einer Ecke lag eine Decke über einem Sessel. An der Wand hing eine Uhr, die fünf Minuten nachging.
Elodie stellte ihre Tasche ab.
„Na gut“, sagte sie in den leeren Raum. „Immerhin haben wir eine Sitzgelegenheit.“
Sie ging langsam um den Tisch herum. Auf einem Regal lag ein altes Notizbuch. Die Seiten waren voller Namen, Liedtitel und kleiner handschriftlicher Bemerkungen. Manche Einträge bestanden nur aus wenigen Worten.
Für jemanden, der heute eine schwere Nacht hat.
Für alle, die noch unterwegs sind.
Für jemanden, der gerade ein bisschen Mut braucht.
Elodie blätterte weiter. Die letzten Seiten waren leer. Sie ließ das Buch offen liegen.
Dann bemerkte sie einen kleinen Zettel neben dem Mikrofon. Darauf stand nur ein einziger Satz:
Du musst nicht wissen, wer zuhört.
Sie betrachtete die Worte lange.
Vielleicht war es eine alte Notiz eines früheren Moderators.
Vielleicht hatte sie jemand absichtlich dort gelassen.
Vielleicht hatte der Leuchtturmwärter tatsächlich einen etwas eigenartigen Sinn für Humor.
Elodie setzte sich. Sie wusste nicht, ob die Anlage überhaupt noch funktionierte. Und wenn ja, ob noch irgendjemand in dieser Stadt ein Radio besaß.
Aber nach einigem Probieren, zwei versehentlich eingeschalteten Lautsprechern und einem Geräusch, das verdächtig nach einem sterbenden Toaster geklungen hatte, erwachte das Mischpult zum Leben.
Eine kleine rote Lampe leuchtete auf.
Elodie starrte sie an. Dann auf das Mikrofon. Sie musste an ihr altes Radio denken. An die fremden Stimmen. An die Nächte unter der Bettdecke. An das Gefühl, dass die Welt plötzlich ein bisschen weniger leer wurde, sobald jemand sprach.
Und an jene eine Person, der sie damals nicht richtig zugehört hatte.
Vielleicht war das hier völliger Unsinn.
Vielleicht würde niemand einschalten.
Vielleicht würde sie morgen feststellen, dass sie aus Versehen die gesamte Stadt mit ihrer Stimme beschallt hatte und nun offiziell die meistgehasste Person in Midnight City war.
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.
Sie setzte die Kopfhörer auf.
Atmete einmal tief durch.
Und drückte den Knopf.
————————————
„Guten Abend, Midnight City.“
So hatte es angefangen.
Mit einem mittelmäßigen Witz, einem viel zu schnellen Herzschlag und der ernsthaften Frage, ob sie gerade die dümmste Entscheidung ihres Lebens getroffen hatte. Und das wollte bei Elodie wirklich etwas heißen.
Mittlerweile lief das dritte Lied.
Sie hatte ihre Jacke ausgezogen, den Kaffee neben das Mischpult gestellt und herausgefunden, wie sie zwischen den Platten und dem Mikrofon wechseln konnte, ohne dabei sämtliche Lautsprecher zum Explodieren zu bringen.
Ein beachtlicher Fortschritt.
Als das Lied endete, lehnte sie sich wieder nach vorne.
„Da wären wir wieder. Für alle, die gerade erst eingeschaltet haben: Willkommen zu einer Sendung, deren Konzept ich selbst noch nicht ganz verstanden habe.“
Sie betrachtete das offene Notizbuch.
„Ich dachte, wir könnten heute mit etwas Einfachem anfangen. Zum Beispiel mit der Frage, warum Menschen grundsätzlich die schlechtesten Entscheidungen treffen, sobald es nach Mitternacht ist.“
Sie hielt inne.
„Nein, ernsthaft. Was ist das? Tagsüber sind wir halbwegs funktionierende Erwachsene, und nachts denken wir plötzlich: Weißt du, was eine gute Idee wäre? Meinem Ex schreiben, meine gesamte Zukunft infrage stellen und dabei eine Familienpackung Kekse essen.“
Elodie lächelte.
„Falls ihr euch angesprochen fühlt: Ich verurteile euch nicht. Jedenfalls nicht besonders.“
Sie griff nach ihrem Kaffee. Er war inzwischen kalt.
„Aber vielleicht müssen wir heute auch überhaupt nichts herausfinden.“
Der Satz kam unerwartet.
Elodie selbst war davon überrascht. Sie schaute hinaus auf die Fenster der Häuser. Hier und da brannte noch Licht. Hinter jedem dieser Fenster lebte jemand. Menschen, die lachten, stritten, arbeiteten, weinten oder einfach nicht schlafen konnten.
Vielleicht saß gerade irgendwo jemand auf dem Küchenboden und fragte sich, wie es weitergehen sollte.
Vielleicht wartete jemand auf eine Nachricht.
Vielleicht vermisste jemand einen Menschen, den er nicht mehr erreichen konnte.
Und vielleicht gab es irgendwo da draußen jemanden, der genauso verzweifelt nach einer Antwort suchte wie sie.
Elodie rückte näher ans Mikrofon.
„Wisst ihr, ich glaube, wir verbringen ziemlich viel Zeit damit, alles reparieren zu wollen.“
Sie drehte gedankenverloren einen Stift zwischen den Fingern.
„Irgendwas läuft schief, und sofort muss eine Lösung her. Ein Plan. Fünf Schritte zu einem besseren Leben. Am besten mit einer hübschen Überschrift und einem motivierenden Zitat darunter.“
Sie verzog das Gesicht.
„Gott, ich hasse motivierende Zitate.“
Ein leises Lachen entwich ihr.
„Aber manche Dinge lassen sich eben nicht sofort reparieren. Manche Fragen haben keine Antwort. Zumindest noch nicht.“
Sie machte eine Pause.
„Und vielleicht ist das auch okay.“
Zum ersten Mal an diesem Abend versuchte sie nicht, die Stille sofort mit einem Witz zu füllen.
„Vielleicht braucht ihr heute niemanden, der euch erklärt, was ihr falsch gemacht habt. Vielleicht braucht ihr einfach jemanden, der euch zuhört.“
Elodie schaute auf das zweite Mikrofon. Auf den leeren Stuhl daneben.
„Oder jemanden, der euch daran erinnert, dass ihr nicht die Einzigen seid, die um diese Uhrzeit noch mit ihren Gedanken kämpfen.“
Sie lächelte leicht.
„Also, falls ihr gerade allein zu Hause sitzt, nachts arbeitet, durch die Straßen lauft oder zum vierzehnten Mal eure Zimmerdecke anstarrt: Ihr seid hier richtig.“
Sie hob ihren Kaffeebecher.
„Und falls es euch beruhigt: Ich habe auch absolut keinen Plan, was ich mit meinem Leben mache.“
Ein weiteres Lied begann.
Elodie schaltete das Mikrofon aus.
Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Midnight City hatte sie nicht das Gefühl, dringend irgendwo anders sein zu müssen.
————————————————
Die erste Reaktion auf ihre Sendung kam um kurz nach zwei.
Ein plötzliches Klingeln ließ Elodie dermaßen zusammenfahren, dass sie beinahe ihren Kaffee über das Mischpult kippte.
„Verdammt!“
Sie starrte auf das Telefon am anderen Ende des Tisches.
Es klingelte erneut.
Elodie sah sich im Raum um, als müsste irgendwo eine verantwortliche erwachsene Person auftauchen und erklären, was sie jetzt tun sollte. Niemand kam.
Das war unhöflich.
Das Telefon klingelte zum dritten Mal.
Sie nahm ab.
„Radio ... äh ... guten Abend?“
Stille.
Dann eine vorsichtige Stimme.
„Hallo?“
„Ja, hallo. Sie sprechen mit Elodie. Falls Sie sich über meine Sendung beschweren möchten, muss ich Sie leider darüber informieren, dass unsere Beschwerdeabteilung zurzeit nicht besetzt ist.“
Am anderen Ende hörte sie ein leises Lachen. Dann wieder Schweigen.
„Ich wollte eigentlich nur wissen ...“, begann die Stimme zögerlich.
Elodie wartete.
„Ob Sie wirklich da sind.“
Sie runzelte die Stirn.
„Wie meinen Sie das?“
„Na ja. Ob da wirklich jemand sitzt. Oder ob das alles nur eine Aufnahme ist.“
Elodie schaute auf ihre Kaffeetasse, das alte Mischpult und die Staubschicht, die sie beim Herumprobieren aufgewirbelt hatte.
„Oh, ich bin definitiv hier. Ich kann Ihnen sogar versichern, dass diese Katastrophe vollständig live stattfindet.“
Wieder dieses kleine Lachen. Es klang diesmal etwas weniger unsicher.
„Gut“, sagte die Stimme.
Elodie wartete auf eine weitere Frage. Sie kam nicht.
„Kann ich Ihnen bei irgendetwas helfen?“, fragte sie schließlich.
„Nein. Eigentlich nicht.“
Eine Pause.
„Ich konnte nur nicht schlafen. Und dann habe ich Ihre Stimme gehört.“
Elodie hörte das leise Rauschen in der Leitung.
„Ich dachte, ich bin vielleicht der Einzige, der noch wach ist.“
Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Sie kannte dieses Gefühl. Besser, als sie zugeben wollte. Früher hätte sie jetzt vermutlich einen Witz gemacht. Irgendetwas über Schlafstörungen oder die unzähligen fragwürdigen Dinge, die Menschen mitten in der Nacht anstellten.
Aber diesmal tat sie es nicht.
„Nein“, sagte sie leise. „Sind Sie nicht.“
Am anderen Ende blieb es still. Dann hörte sie ein kaum wahrnehmbares Ausatmen.
„Danke“, sagte die Stimme.
„Gern.“
„Werden Sie morgen wieder senden?“
Elodie sah auf das Mikrofon.
Auf das alte Notizbuch.
Auf die Lichter der Stadt.
Noch vor wenigen Stunden hatte sie sich gefragt, was sie überhaupt an diesem Ort sollte. Jetzt stellte ihr ein völlig fremder Mensch eine Frage, auf die sie plötzlich eine Antwort hatte.
„Ja“, sagte sie.
Und lächelte.
„Ich denke schon.“
———————————-
Nachdem das Gespräch beendet war, blieb Elodie noch eine Weile mit dem Telefonhörer in der Hand sitzen.
Sie hatte nicht nach dem Namen gefragt. Nicht nach dem Alter. Nicht danach, was passiert war oder warum diese Person nicht schlafen konnte.
Sie wusste nichts.
Außer, dass irgendwo in Midnight City gerade jemand ein bisschen weniger allein war. Und seltsamerweise reichte ihr das.
Sie legte den Hörer zurück.
Dann griff sie nach dem Notizbuch und schrieb auf die erste leere Seite:
Erste Sendung. Mindestens ein Zuhörer. Noch keine Beschwerden.
Sie betrachtete ihren Eintrag.
Darunter ergänzte sie:
Vielleicht doch keine vollständige Katastrophe.
Es war ein kleiner Anfang.
Nicht besonders spektakulär. Keine große Offenbarung. Niemand hatte ihr plötzlich die Geheimnisse des Universums erklärt. Sie hatte die Person, nach der sie suchte, nicht gefunden. Und sie wusste noch immer nicht, warum der Leuchtturmwärter ausgerechnet ihr diesen Schlüssel gegeben hatte.
Aber vielleicht musste sie das heute auch nicht wissen.
Vielleicht war es in Ordnung, einmal nicht weiterzusuchen.
Einmal nicht jedem Gedanken hinterherzulaufen.
Einmal einfach an einem Ort zu bleiben.
Elodie hatte so lange versucht, jemanden zu erreichen, dass sie kaum bemerkt hatte, wie sehr sie sich selbst danach sehnte, gehört zu werden. Sie war durch die Stadt gelaufen und hatte Fragen gestellt, auf die niemand eine Antwort wusste.
Dabei hatten sich ihr völlig fremde Menschen an ihre Seite gesetzt.
Sie hatten mit ihr gelacht, ihr Kaffee nachgeschenkt und ihr Gesellschaft geleistet, ohne irgendeine Erklärung zu verlangen.
Keiner von ihnen hatte ihre Probleme gelöst. Keiner hatte die gesuchte Person zurückgebracht. Aber sie hatten dafür gesorgt, dass sie ihren Weg nicht vollständig allein gehen musste.
Und nun hatte sie zum ersten Mal etwas davon weitergegeben.
Nicht mit einer besonders klugen Rede.
Nicht mit einem großartigen Ratschlag.
Sondern mit ihrer Stimme.
Elodie sah auf den leeren Stuhl neben sich. Sie dachte an das Gespräch aus ihrer Vergangenheit. An all die Dinge, die sie damals nicht gesagt hatte.
Vielleicht würde sie eines Tages die Gelegenheit bekommen, es besser zu machen.
Vielleicht würde sie die Person finden und endlich die richtigen Fragen stellen.
Und vielleicht würde sie dann auch lernen, die Antworten auszuhalten.
Doch selbst wenn das nie geschah, musste sie nicht für immer in diesem einen versäumten Moment stecken bleiben.
Sie konnte jetzt anfangen, anders zuzuhören.
Sie konnte selbst ehrlich sein, wenn es ihr schlecht ging.
Und sie konnte diesen kleinen Raum zu einem Ort machen, an dem Menschen nicht erst eine perfekte Erklärung für ihre Gefühle finden mussten, bevor jemand ihnen Gehör schenkte.
—————————
Gegen drei Uhr morgens stand Elodie auf und öffnete das Fenster.
Kühle Nachtluft strömte ins Studio.
Die Straßen waren ruhiger geworden.
Irgendwo fuhr noch ein Auto vorbei. In einem gegenüberliegenden Haus ging ein Licht aus. Weiter hinten blinkte eine Leuchtreklame, die vermutlich schon seit Jahren dringend repariert werden musste.
Elodie lehnte sich auf die Fensterbank.
Von hier aus konnte sie weit über Midnight City sehen. Nicht alles. Die Stadt war größer, als sie zunächst gedacht hatte. Viel größer.
Irgendwo da draußen war noch immer die Person, wegen der sie gekommen war.
Vielleicht nur ein paar Straßen entfernt.
Vielleicht am anderen Ende der Stadt.
Vielleicht längst wieder fort.
Der Gedanke tat weh.
Aber diesmal war er nicht das Einzige, woran sie denken konnte. Sie hatte morgen etwas vor. Sie wollte den Staub von den Regalen wischen. Eine vernünftige Kaffeemaschine organisieren. Herausfinden, ob das zweite Mikrofon funktionierte. Und vermutlich dringend eine Anleitung für dieses verdammte Mischpult suchen.
Ein erstaunlich umfangreicher Plan für jemanden, der ursprünglich nicht länger als ein paar Tage bleiben wollte.
Elodie schüttelte lächelnd den Kopf.
„Na wunderbar“, murmelte sie. „Jetzt habe ich offenbar auch noch Verantwortung.“
Sie schloss das Fenster und kehrte zum Mikrofon zurück. Ein letztes Mal schaltete sie es ein.
„Okay, Midnight City. Das war's für heute.“
Sie warf einen Blick auf die Uhr.
„Falls ihr immer noch wach seid, solltet ihr vielleicht versuchen zu schlafen. Ich weiß, gerade von mir ein ziemlich bescheuerter Ratschlag.“
Sie lächelte.
„Aber bevor ich gehe, noch eine Sache.“
Draußen schob sich eine Wolke vor den Mond.
„Ich weiß nicht, was euch heute Nacht wach hält. Vielleicht etwas Großes. Vielleicht etwas vollkommen Lächerliches, über das ihr morgen selbst lachen müsst. Vielleicht vermisst ihr jemanden. Vielleicht habt ihr etwas gesagt, das ihr gern zurücknehmen würdet. Oder etwas nicht gesagt, das euch seitdem nicht mehr loslässt.“
Elodie atmete langsam aus.
„Ich kann euch nicht versprechen, dass morgen alles besser ist.“
Sie sah auf das kleine rote Licht.
„Aber ich kann euch versprechen, dass ihr euch hier nicht erst zusammenreißen müsst, bevor ihr euch melden dürft.“
Eine kurze Pause.
„Und falls ihr noch nicht wisst, was ihr sagen sollt ... dann fangt einfach irgendwo an.“
Sie schob den Stuhl ein Stück näher ans Mikrofon.
„Ich bin schließlich auch nicht besonders gut darin.“
Ein kleines, schiefes Lächeln.
„Also. Gute Nacht, ihr hoffnungslosen Nachteulen. Trinkt Wasser, trefft keine Entscheidungen nach zwei Uhr morgens und um Himmels willen ... schreibt nicht eurem Ex.“
Sie streckte die Hand zum Schalter aus.
„Wir hören uns morgen.“
Das rote Licht erlosch.
Elodie blieb noch einen Moment sitzen. Und als sie schließlich aufstand, war da etwas, das sie seit sehr langer Zeit nicht mehr gespürt hatte. Nicht die Gewissheit, dass alles gut werden würde. Nicht einmal die Hoffnung, dass sich alle ihre Fragen beantworten ließen. Sondern ein Gefühl, das viel kleiner und gleichzeitig viel wichtiger war.
Sie wollte morgen wiederkommen.
Nicht nur, weil dort draußen vielleicht irgendwann eine vertraute Stimme auf ihrer Frequenz auftauchen würde.
Sondern weil es jetzt Menschen gab, die darauf warteten, ihre Stimme wiederzuhören.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war Midnight City nicht mehr bloß ein weiterer Ort auf ihrer Suche.
Es war ein Ort, an dem sie bleiben wollte.
Elodie nahm ihren Schlüssel, schaltete die Studiolampe aus und trat hinaus auf die nächtliche Straße. Hinter ihr fiel die Tür leise ins Schloss.
Über den Dächern drehte sich der Lichtstrahl des alten Leuchtturms.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und irgendwo in einem kleinen Zimmer saß ein fremder Mensch vor einem alten Radio, das inzwischen nur noch leise rauschte.
Vielleicht würde dieser Mensch morgen wieder einschalten.
Vielleicht würde er irgendwann selbst anrufen und etwas erzählen, das er noch nie jemandem gesagt hatte.
Vielleicht würde er auch einfach nur zuhören.
Beides war in Ordnung.
Denn manchmal braucht es keine Antwort. Manchmal reicht eine Stimme, die bleibt.
Und Elodie hatte beschlossen, genau das zu tun.